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Ist man mit Musik weniger allein? Was Klang mit unserer Vorstellungswelt anstellt

  • 13. Apr.
  • 3 Min. Lesezeit

Musik auflegen, wenn man allein ist – nicht um zu tanzen oder zu entspannen, sondern einfach weil es sich weniger einsam anfühlt. Dieses Gefühl ist kein Zufall und keine bloße Metapher. Eine 2025 in Scientific Reports veröffentlichte Studie liefert nun empirische Belege dafür, was viele intuitiv kennen: Musik kann tatsächlich Gesellschaft leisten – indem sie unsere innere Vorstellungswelt in Richtung sozialer Verbindung verschiebt.

Die Studie von Herff, Cecchetti, Ericson und Cano trägt den Titel „Solitary silence and social sounds: music can influence mental imagery, inducing thoughts of social interactions" und wurde am 29. Juli 2025 in Scientific Reports veröffentlicht. Diese Studie besprechen wir auch im Psychologie-Podcast Kopfzerbrechen – Psycho-Inspiration für Praxis und Alltag. Die Folge ist überall zu finden, wo es Podcasts gibt.


Was die Studie untersuchte

Das Forschungsteam um Dr. Steffen A. Herff von der University of Sydney stellte sich die Frage: Wenn Menschen sagen, sie hören Musik, „damit sie Gesellschaft haben" – ist das nur eine Redewendung? Oder verändert Musik tatsächlich das, was wir denken und uns vorstellen?

Um das herauszufinden, führten die Forschenden eine großangelegte Studie mit 600 Teilnehmenden durch. Das Versuchsdesign war sorgfältig konzipiert: Die Teilnehmenden sahen zunächst einen kurzen Videoclip – eine einsame Figur, die auf eine weit entfernte Landmarke (etwa einen Berg) zugeht. Dann schlossen sie die Augen und imaginierten, wie diese Reise weitergeht. Während dieser gedanklichen Reise hörten sie entweder Stille oder Songs– auf Italienisch, Spanisch oder Schwedisch, mit oder ohne Gesang, wobei jeweils die Hälfte der Teilnehmenden die jeweilige Sprache beherrschte und die andere Hälfte nicht. Nach jeder imaginierten Reise beschrieben sie schriftlich, was sie sich vorgestellt hatten.


Die Forschenden nutzten anschließend computergestützte Sprachmodelle, um in diesen Beschreibungen nach gemeinsamen Themen zu suchen – und ließen die Texte zusätzlich manuell von einer Forschungsassistentin annotieren, die nichts über das Studiendesign wusste.


Was die Studie zeigt

Das Ergebnis war recht klar und überraschend stark: Musik erhöhte die Wahrscheinlichkeit sozialer Motive in der Vorstellung um mehr als das Dreifache im Vergleich zu Stille. Wer Musik hörte, stellte sich häufiger Szenen vor, in denen andere Menschen anwesend waren – Momente der Begegnung, Gemeinschaft, Wärme.


Besonders bemerkenswert: Dieser Effekt trat unabhängig davon auf, ob die Musik Gesang enthielt oder nicht, und unabhängig davon, ob die Teilnehmenden die Sprache des Liedes verstanden. Die soziale Wirkung der Musik auf die innere Bilderwelt entstand also nicht über die sprachliche Bedeutung der Texte, sondern über Musik als solche.


Zusätzlich zeigten die Beschreibungen, dass die in Begleitung von Musik imaginierten Szenen nicht nur sozialer, sondern auch wärmer und heller waren. Und noch ein weiteres, faszinierendes Ergebnis: Wenn eine neue Gruppe von Teilnehmenden dieselbe Musik hörte und die Beschreibungen der ersten Gruppe las, konnte sie zuverlässig erkennen, welche Texte während der Musik und welche während der Stille entstanden waren. Das deutet auf eine Art gemeinsamer sozialer Vorstellungswelt hin, die durch Musik entsteht.


Was das mit inneren Bildern zu tun hat

Innere Vorstellungsbilder spielen in vielen therapeutischen Ansätzen eine zentrale Rolle. Sie sind nicht bloß passive Bilder im Kopf, sondern aktive kognitive Prozesse, die mit Emotionen, Körpergefühlen und Verhalten verknüpft sind. Wer sich etwas vorstellt, aktiviert ähnliche neuronale Strukturen wie bei der tatsächlichen Wahrnehmung.

Die Studie zeigt nun, dass Musik – selbst als Hintergrundreiz, ohne dass man ihr aktiv zuhört – diese inneren Bilder systematisch beeinflussen kann. Musik formt nicht nur unsere Stimmung. Sie formt, was wir uns vorstellen. Und was wir uns vorstellen, formt, wie wir uns fühlen.


Was das für Schreiben und innere Arbeit bedeutet

Im Hypnowriting®-Prozess geht es um genau so ein Zusammenspiel und kann mit Unterstützung von Musik zu Themen wie Einsamkeit eingesetzt werden: Klang, innere Bilder und das Schreiben, das aus diesem Raum heraus entsteht.

Die Erkenntnisse dieser Studie legen nahe, dass Musik dabei nicht nur Atmosphäre schafft, sondern die Richtung der inneren Bilder mitgestalten kann – hin zu sozialen Motiven, zu Wärme, zu Verbindung. Das ist besonders relevant für Menschen, die sich innerlich isoliert, abgeschnitten oder einsam fühlen. Musik könnte dann nicht nur im wörtlichen Sinn Gesellschaft leisten, sondern auch den inneren Raum öffnen, in dem Verbundenheit wieder denkbar und fühlbar wird.


Fazit

Diese Studie zeigt empirisch, was viele intuitiv gespürt haben: Musik ist nicht bloß Kulisse. Sie ist ein aktiver Gestalter unserer inneren Welt. Wer schreibt, meditiert oder mit inneren Bildern arbeitet – und dabei Musik hört – nutzt möglicherweise unbewusst genau jenen Mechanismus, den diese Forschung nun sichtbar macht: Klang als Brücke zu sozialer Imagination, zu Wärme, zu dem Gefühl, nicht allein zu sein.


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